Angolas neuer Kurs: Tourismus statt Öl als Zukunftsstrategie
Veröffentlicht von Al Jazeera | 25 June 2026
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Während Länder weltweit ihre Wirtschaft zunehmend über natürliche Ressourcen hinaus diversifizieren, positioniert sich Angola mit dem Tourismus als strategischem Motor für langfristiges Wirtschaftswachstum, Beschäftigung und ausländische Investitionen. Im Rahmen dieser Vision arbeitet die Regierung daran, die reichen, bislang jedoch weitgehend ungenutzten natürlichen und kulturellen Ressourcen des Landes in nachhaltige wirtschaftliche Chancen umzuwandeln.
In einem Interview mit Al Jazeera teilt Julia Kleber, CEO KLEBER GROUP, ihre Einschätzung zur Tourismusstrategie Angolas, den Herausforderungen beim Aufbau einer Tourismusbranche ausgehend von einer noch wenig entwickelten Ausgangslage sowie dem Anspruch des Landes, sich als eines der aufstrebenden Tourismus- und Investitionsziele Afrikas zu etablieren.
INTERVIEW
Zunächst einmal: Welche Rolle spielt die KLEBER GROUP bei der Entwicklung von Tourismusstrategien, insbesondere in Schwellenmärkten und in ganz Afrika?
KLEBER GROUP ist eine internationale Beratungsagentur, die sich auf Tourismusentwicklung, Destinationsbranding und strategische Kommunikation spezialisiert hat. Wir unterstützen Destinationen dabei, starke touristische Identitäten aufzubauen, Kommunikations- und Marketingstrategien zu entwickeln, Investor Relations zu stärken und durch Capacity Building lokale Kompetenzen auszubauen. Unser Fokus liegt vor allem auf aufstrebenden Reisezielen sowie führenden internationalen Hospitality-Marken, denen wir helfen, nachhaltige und integrierte Tourismussysteme zu schaffen.
In Afrika verfügen wir über mehr als zwei Jahrzehnte Erfahrung und haben zur Tourismusentwicklung in Destinationen wie Südafrika, Namibia, Uganda und Sambia beigetragen. Zudem haben wir unsere eigene Initiative „Voice for Africa“ ins Leben gerufen, die darauf abzielt, internationale Wahrnehmungen des Kontinents neu zu gestalten, indem sie seine tatsächlichen Stärken hervorhebt und Afrika als Destination für Chancen, Authentizität und Innovation positioniert.
Aufbau der Tourismusidentität Angolas
Auf Grundlage dieser Erfahrung: Wie hat Ihre Zusammenarbeit mit der Regierung von Angola begonnen, und wie haben Sie den Wettbewerbsvorteil des Landes identifiziert, das traditionell stark mit der Ölwirtschaft verbunden ist?
Unsere Zusammenarbeit mit Angola begann vor etwa achtzehn Monaten, nachdem wir eine Einladung des Tourismusministers des Landes, Márcio de Jesus Lopes Daniel, erhalten hatten, um zu untersuchen, wie Tourismus zu einem Katalysator für nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung werden kann. Aufbauend auf unserer Erfahrung im Destinationsbranding bestand unsere erste Priorität darin, Angolas einzigartigen Wettbewerbsvorteil zu identifizieren – das prägende Merkmal, das das Land auf der internationalen Tourismusbühne unterscheiden würde.
Dies führte schließlich zur Entwicklung der nationalen Tourismusmarke „Visit Angola: The Rhythm of Life“ – einer Marke, die die reiche Kultur des Landes, seinen lebendigen Geist und die Herzlichkeit seiner Bevölkerung widerspiegelt.
Auf dieser Grundlage haben wir internationale Kommunikations- und Marketingkampagnen in wichtigen Quellmärkten umgesetzt, FAM-Trips für internationale Journalistinnen, Journalisten und Reiseprofis organisiert und Angolas touristische Angebote globalen Zielgruppen vorgestellt.
Unsere Arbeit ging jedoch weit über die internationale Vermarktung hinaus. Wir haben zudem den Aufbau lokaler Kompetenzen durch professionelle Trainingsprogramme und Capacity-Building-Workshops für Tourismusstakeholder unterstützt. Darüber hinaus haben wir die Entwicklung des angolanischen Convention Bureau begleitet, das im vergangenen Monat in Luanda offiziell seine neue Identität unter der Marke „Meet in Angola – The Meeting Room in Africa“ vorgestellt hat und damit die Ambitionen des Landes als Destination für Geschäftsveranstaltungen und Konferenzen unterstreicht.
Es ist klar, dass Sie vor der Herausforderung standen, einen noch sehr jungen Tourismussektor aufzubauen. Wie baut man eine Tourismusbranche nahezu von Grund auf auf?
Der Aufbau eines Tourismussektors nahezu von Grund auf ist zweifellos eine große Herausforderung. Von Beginn an haben wir einen umfassenden strategischen Zehnjahresfahrplan entwickelt, der darauf ausgelegt ist, die Vision der Regierung von Angola in konkrete Maßnahmen zu übersetzen und gleichzeitig sowohl Besucher als auch Investoren anzuziehen.
Eine der größten Herausforderungen für Destinationen, die bislang noch nicht auf der internationalen Tourismuslandkarte etabliert waren, besteht darin, Angebot und Nachfrage in Einklang zu bringen. Investoren sind kaum bereit, in Hotels und touristische Infrastruktur zu investieren, ohne Vertrauen darin zu haben, dass auch tatsächlich Besucher kommen. Gleichzeitig erwarten Reisende vor der Wahl eines Reiseziels hochwertige Unterkünfte, Services und eine gute Erreichbarkeit.
Aus diesem Grund mussten beide Seiten parallel entwickelt werden – durch sorgfältig abgestimmte und strategisch koordinierte Maßnahmen.
Tourismus als Treiber nachhaltiger Entwicklung
Viele Länder betrachten Tourismus noch immer hauptsächlich als Freizeitaktivität, doch er ist zugleich ein leistungsstarker Wirtschaftszweig. Wie kann Tourismus in Angola im Vergleich zu rohstoffbasierten Industrien wie Öl zur nachhaltigen Entwicklung beitragen?
Tourismus hat die Kraft, Volkswirtschaften zu transformieren, indem er Länder für die Welt öffnet und Chancen schafft, die weit über den eigentlichen Reisesektor hinausgehen.
Im Gegensatz zu extraktiven Industrien wie Öl, Gas und anderen natürlichen Ressourcen, bei denen Einnahmen oft konzentriert sind oder aus dem Land abfließen, verteilt Tourismus wirtschaftliche Vorteile direkt in die lokalen Gemeinschaften und schafft gleichzeitig zahlreiche Arbeitsplätze.
Angola verfügt über eine besonders junge Bevölkerung, wodurch der Tourismussektor eine wichtige Rolle bei der Schaffung von Arbeitsplätzen für junge Menschen und Frauen spielt. Gleichzeitig unterstützt Tourismus Haushalte mit mittlerem und niedrigerem Einkommen, indem er lokales Unternehmertum fördert und wirtschaftliche Wertschöpfung im Land hält.
Wenn Besucher beispielsweise in einem lokalen Restaurant essen oder Produkte von lokalen Kunsthandwerkern kaufen, kommen die Vorteile direkt in den Gemeinden an. Tourismus trägt somit nicht nur zum Wirtschaftswachstum bei, sondern verbessert auch die Lebensqualität und hilft gleichzeitig dabei, ein positives und nachhaltiges internationales Image des Landes aufzubauen.
Angolas Wettbewerbsvorteile
Was macht Angola im Vergleich zu seinen Nachbarn im südlichen Afrika zu einem attraktiven und einzigartigen Reiseziel?
Eine der größten Stärken von Angola ist das klare politische Engagement und die strategische Vision, die sowohl vom Tourismusministerium als auch von der Regierung gezeigt werden. Nicht jedes Land betrachtet Tourismus als grundlegende Säule der nationalen Entwicklung, doch Angola hat sich genau dazu bekannt und investiert die notwendigen Ressourcen, um seine Ziele zu verwirklichen.
Sowohl geografisch als auch aus Sicherheitsperspektive ist Angola ein einladendes und gut erreichbares Reiseziel mit guter Anbindung.
Die Herausforderung des Landes bestand nie darin, ein negatives internationales Image zu überwinden. Stattdessen ist Angola bislang weitgehend unentdeckt geblieben, was die einzigartige Chance bietet, das globale Image von Grund auf zu gestalten.
Seine weitläufigen Landschaften bieten eine außergewöhnliche Vielfalt – von unberührten Stränden und ganzjährigem Sonnenschein bis hin zu Nationalparks, Wildlife-Erlebnissen und lebendigen Städten.
Vor allem jedoch liegt Angolas größte Stärke in seinen Menschen. Ihre Herzlichkeit, Gastfreundschaft und ihr reiches kulturelles Erbe stehen im Zentrum unserer Destinationsmarke „The Rhythm of Life“.
In einem heute stark umkämpften globalen Tourismusmarkt: Welche Botschaft möchten Sie internationalen Reisenden mitgeben, die Angola als ihr nächstes Reiseziel in Betracht ziehen?
Heute zählt Angola noch immer zu Afrikas bestgehüteten Geheimnissen.
Es bietet ein authentisches und weitgehend unberührtes Reiseerlebnis, das bislang noch nicht vom Massentourismus geprägt ist. Besucher begegnen einem Reiseziel, das echt, ursprünglich und tief mit seiner kulturellen Identität verbunden ist.
Moderne Reisende suchen zunehmend nach Orten, die sich authentisch anfühlen statt künstlich inszeniert zu sein. Sie möchten bedeutungsvolle Begegnungen mit lokalen Gemeinschaften und Erlebnisse, die sich nicht anderswo reproduzieren lassen.
In Angola entdecken Besucher außergewöhnliche Meeresfrüchte, ein faszinierendes kulturelles Erbe mit portugiesischen Einflüssen, spektakuläre Landschaften und vor allem die Herzlichkeit und Großzügigkeit der Menschen. Kunst, Musik und echte Gastfreundschaft verbinden sich zu Erlebnissen, die Reisende lange nach ihrer Rückkehr begleiten.
Letztlich ist Angola weit mehr als ein Reiseziel – es ist eine unvergessliche Reise, geprägt von authentischen menschlichen Begegnungen und außergewöhnlicher natürlicher Schönheit.
Quelle: Al Jazeera