Interview mit Hanna Kleber | von Laura Mircus | Freitag, 08. August 2025
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Der Tourismus ist ein wichtiger Wirtschaftszweig in vielen Ländern der Welt. Doch wenn es zu viele Touristen werden, dann leidet die Destination schnell darunter. Hanna Kleber, President des Corps Touristique und Gründerin und President der Kleber Group, zu den Protesten und Auswirkungen des Massentourismus.
Sind es auf Mallorca und in anderen beliebten Urlaubsdestinationen zu viele Touristen? Der Begriff Overtourism ist seit den vergangenen zwei Jahren in aller Munde. Proteste, unter anderem auf Mallorca, haben die Situation zuletzt weiter angeheizt. Doch leiden die Destinationen wirklich so sehr unter dem Tourismus? Und welche Lösungen könnte es geben? Dazu äußert sich Hanna Kleber, President des Corps Touristique und Gründerin und President der Kleber Group, im Interview mit fvw|TravelTalk.
fvw|TravelTalk: Frau Kleber, Sie sind aktuell auf Mallorca. Wie erleben Sie die Situation vor Ort?
Hanna Kleber: Overtourism ist hier nicht so offensichtlich, wie es immer dargestellt wird. Ich war gestern in Andratx am Hafen – dort war es leer, obwohl der Ort früher immer voll war. Man musste in den Restaurants selbst gar nicht mehr reservieren. Das hat mich wirklich gewundert. Auch in Palma wirkt alles ganz normal. Das steht ja eigentlich im Widerspruch zu dem Bild, das oft gezeichnet wird.
Wie erklären Sie sich das?
Meiner Meinung nach ist „Overtourism“ unter Touristikern ein verkommenes Modewort geworden. Meines Erachtens ist das völlig überbewertet und schadet dem Ruf von Mallorca eigentlich nur.
Also wird das Problem des Overtourism Ihrer Meinung nach überschätzt?
Ja, die Insel ist groß. Es gibt so viel unberührte Natur und unberührte Dörfer, die kaum besucht werden. Nur einige Ecken der Insel werden dem Thema eher gerecht, zum Beispiel El Arenal. Die Besucher der Vergnügungsmeile suchen möglichst etwas Preiswertes und interessieren sich kaum für die Kultur. Das ist meiner Meinung nach das einzig Schädliche.
Und wie beurteilen Sie andere Tourismusformen auf Mallorca, zum Beispiel All-inclusive oder das Luxussegment?
Im Norden der Insel gibt es viele All-Inclusive-Hotels, vor allem für Familien. Ich weiß nicht, wie dort aktuell die Belegungsrate aussieht, aber diese Urlauber bleiben meist im Hotel und lassen wenig Geld auf der Insel. Davon profitieren in erster Linie die Hotelbetreiber. Diese stehen dafür aber vor dem Problem, ausreichend Personal zu finden, da auch die Lebenshaltungskosten steigen. Es ist tariflich festgelegt, wie viel das Personal im Hotel verdient. So wie ich es gehört habe, reicht das jedoch oft kaum zum Leben.
„Würde man den Tourismus auf Mallorca wieder einstellen, dann würden wieder nur Tomaten angebaut.“ Hanna Kleber
Saisonverlängerung und Digitalisierung
Was wäre hier ein möglicher Lösungsansatz?
Ich finde, die großen Hotelketten müssen dafür sorgen, dass die Menschen eine Unterkunft haben und dass die Gehälter angepasst werden. Mallorca ist mittlerweile schon fast eine Ganzjahresdestination geworden, sodass viele Hotels mittlerweile das ganze Jahr lang geöffnet haben.
Da kommen wir auch schon zum nächsten Punkt: Saisonverlängerung. Welche Rolle spielt das?
Die Saisonlenkung ist ein wichtiger Aspekt. Nicht alle Gäste müssen im August reisen – es gibt Möglichkeiten, die Saison zu strecken, beispielsweise, wenn Familien ihre Hauptferien auf die Osterzeit legen. Um eine Nebensaison zu etablieren, braucht es aber geeignete Angebote und Anreize.
Welche Bedeutung haben außerdem Nachhaltigkeit und Digitalisierung für die Steuerung der Touristenströme?
Digitalisierung kann helfen, Besucherströme besser zu lenken und die Auslastung saisonal zu verteilen. Nachhaltigkeit und Klimawandel sind Themen, mit denen sich die Branche ebenfalls intensiv befassen muss.
„Overtourism ist ein Spielball der Politik geworden.“ Hanna Kleber